{"id":27,"date":"2017-09-06T08:51:29","date_gmt":"2017-09-06T06:51:29","guid":{"rendered":"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?page_id=27"},"modified":"2021-11-22T21:30:17","modified_gmt":"2021-11-22T20:30:17","slug":"das-projekt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?page_id=27","title":{"rendered":"Das Projekt"},"content":{"rendered":"<p>Wer bestimmt eigentlich, was \u201enormal\u201c und was psychisch krank ist? Welche Kriterien liegen der Definition zugrunde? Ab wann besteht (Be-)Handlungsbedarf? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Einfl\u00fcsse beim Erkennen und Behandeln? Und was ist eigentlich Stigmatisierung und wie entsteht sie?<\/p>\n<figure id=\"attachment_86\" aria-describedby=\"caption-attachment-86\" style=\"width: 237px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Angelo_Bronzino_003.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-86 size-medium\" src=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Angelo_Bronzino_003-237x300.jpg\" alt=\"\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Angelo_Bronzino_003-237x300.jpg 237w, https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Angelo_Bronzino_003-624x791.jpg 624w, https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Angelo_Bronzino_003.jpg 712w\" sizes=\"(max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-86\" class=\"wp-caption-text\">Bronzino &#8211; Allegorie auf die Liebe, Detail<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der sozialwissenschaftliche und philosophische Diskurs kennt viele Begrifflichkeiten zur Beschreibung von Abweichungen, die alle unterschiedliche Konnotationen umfassen: Psychische Krankheit, psychische St\u00f6rung, psychische Abweichung, Geisteskrankheit, Wahnsinn. Innerhalb medizinisch-psychiatrischer Diskurse hat sich mit der Verbreitung der standardisierten Diagnosemanuale der Begriff der \u201eSt\u00f6rung mit erheblichen Krankheitswert\u201c etabliert, der nicht nur Behandlungsbedarf signalisiert, sondern dar\u00fcber hinaus weitreichende Folgen innerhalb der sozialen Sicherungssysteme hat. Ob Verrentung im Krankheitsfall, Abwesenheit vom Arbeitsplatz oder bei der Inanspruchnahme von Assistenzma\u00dfnahmen: Sowohl im Positiven wie im Negativen st\u00fctzt sich die Exekutive des Sozialstaates auf die normierende Kraft der Krankheit. Das Konzept der \u201ekrankhaften St\u00f6rung\u201c enth\u00e4lt so eine deutlich normative Komponente.<\/p>\n<p>Die Zuschreibung von psychischen St\u00f6rungen wird auf der anderen Seite in ihrem Erleben, ihrer Interpretation, in ihrem Ausdruck innerhalb der Gesellschaft durch vielf\u00e4ltige historische, politische, gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen beeinflusst. So h\u00e4ngt es von den jeweiligen Normalit\u00e4tserwartungen der gesellschaftlichen Gruppierung ab, ob ein Erleben oder Verhalten als problematisch oder als \u201enormal\u201c angesehen wird. Moderne Gesellschaften haben f\u00fcr die Zuweisung und Behandlung psychischer St\u00f6rungen eigene Kategorien, wie das psychiatrische Versorgungssystem, entwickelt. Vor dem Hintergrund dieser Ausdifferenzierung entwickeln sich auch spezifische institutionelle Eigenwerte, Sensibilit\u00e4ten und Interessen, die mit Definitionsmacht ausgestattet sind und sowohl den Charakter als auch die ad\u00e4quate Behandlungsform psychischer St\u00f6rungen bestimmen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund f\u00fchren die gesellschaftlichen Rahmungen nicht zuletzt zu einer ungleichen Verteilung sowohl psychischer als auch physischer Erkrankungen. Bildung und Einkommen sind wesentliche Merkmale einer sich bildenden gesundheitlichen Ungleichheit. Aber auch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Region, Religion und Ethnizit\u00e4t spielen eine Rolle in der Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen. Daran anschlie\u00dfend stellt sich die Frage, ob die verschieden gesundheitlichen Ungleichheiten auch als ungerecht zu bewerten sind oder unter bestimmten Umst\u00e4nden gerechtfertigt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_125\" aria-describedby=\"caption-attachment-125\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-125 size-large\" src=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit-1024x630.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit-1024x630.jpg 1024w, https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit-300x185.jpg 300w, https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit-768x473.jpg 768w, https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/krankheit-624x384.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-125\" class=\"wp-caption-text\">Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen am Beispiel der DAK-Gesundheit (Foto: DAK Gesundheit)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Rahmen des Lehrforschungsprojekts &#8222;Das ist doch krank, oder?&#8220; soll Medizin- als auch Sozialwissenschafts- und Philosophiestudierenden im interdisziplin\u00e4ren Seminar die M\u00f6glichkeit geboten werden, das Thema psychische Gesundheit, sowie das Zustandekommen von Krankheitsdefinitionen, Diagnosen und ihrer Behandlungsw\u00fcrdigkeit, als auch die Zuschreibungen aufgrund sozio-\u00f6konomischer und anderer gruppenbezogener Merkmale kritisch zu reflektieren. Ziel ist die Stimulation eines disziplin\u00fcbergreifenden Dialogs, der es erlaubt, sich mit fachfremden Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene fachliche Haltung zu hinterfragen.<\/p>\n<h2 id=\"was-hei\u00dft-lehrforschung\">Was hei\u00dft Lehrforschung?<\/h2>\n<div>Beim Forschenden Lernen orientiert sich der Wissenserwerb and den Etappen des Forschungsprozesses. Studierende sollen an einer konkreten Forschungsfrage auf praktische Art und Weise mit wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen vertraut gemacht werden. In der Gemeinschaft mit den Lehrenden k\u00f6nnen so auf methodisch abgesicherte Weise erste Schritte in die Welt der Wissenschaft zu machen.<\/div>\n<div>Das <a href=\"https:\/\/didko.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/zukunftskonzept_lehre.pdf\">Zukunftskonzept Lehre der Ruhr-Universit\u00e4t<\/a> definiert Forschendes Lernen (und Lehren) wie folgt:<\/div>\n<blockquote>\n<div><\/div>\n<div>&#8222;Forschendes Lernen [&#8230;] verbindet die inhaltliche Neugier mit einem methodischen Vorgehen, das den Anspr\u00fcchen nach Wiederholbarkeit, Transparenz und verst\u00e4ndlicher Darstellung gen\u00fcgt. Konkrete Forschungserfahrungen erm\u00f6glichen ein praktisches Vertrautwerden mit wissenschaftlichen Arbeits- und Denkweisen. In der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden ist forschendes Lernen in disziplin\u00e4re und interdisziplin\u00e4re Diskurse eingebunden, die kritisch-konstruktiv dazu beitragen, das individuelle Wissen in einen Gesamtzusammenhang zu setzen, zu erweitern, zu best\u00e4tigen bzw. zu korrigieren.&#8220;<\/div>\n<\/blockquote>\n<div>\n<div>Wesentliche Merkmale des forschenden Lernens an der Ruhr-Universit\u00e4t sind<\/div>\n<div><\/div>\n<ul>\n<li>Selbstst\u00e4ndigkeit (bei der Wahl der Fragestellung und der methodischen Vorgehensweise)<\/li>\n<li>Wissenschaftlicher Anspruch (Orientierung an den (inter-)disziplin\u00e4ren G\u00fctekriterien, kritisch-fragende Haltung)<\/li>\n<li>Offenheit\/Freiheit (mit Blick auf den Prozessverlauf und das Ergebnis)<\/li>\n<li>Gemeinschaftlichkeit\/Miteinander\/Gemeinsinn (in der Arbeitsweise, in der Betreuung und Lehr-Lern-Methode, bei der Pr\u00e4sentation)<\/li>\n<li>\u00d6ffentlichkeit (bei der Ergebnispr\u00e4sentation).<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Das Projekt &#8222;Das ist doch krank, oder?&#8220; soll in zwei aufeinander folgenden Semestern durchgef\u00fchrt werden, wobei die Lehrveranstaltung parit\u00e4tisch nach Fakult\u00e4ten besetzt werden. In der ersten Projektphase erfolgt ab Januar 2020 die Vorbereitung des Lehrprojekts.\u00a0 Im Sommersemester 2020 wird das Lehrprojekt erstmals durchgef\u00fchrt. In der ersten Seminarh\u00e4lfte wird den Studierenden durch intensive interdisziplin\u00e4re Arbeit eine umfassende Einf\u00fchrung in den Themenbereich und das Spannungsfeld sowie die qualitativ-empirische Methode gegeben. Im Anschluss an diese Phase folgt die praktische Forschungsarbeit an ausgew\u00e4hlten Themen in Kleingruppen, in welchen erste Ideen f\u00fcr einen Interviewleitfaden und die Datenerhebung erarbeitet werden. Unterst\u00fctzt werden die Studierenden durch Dozenten, die die Seminarphase gestalten und den Forschungsprozess begleiten. Dabei erarbeiten die Studierenden ihre wissenschaftlichen Ergebnisse nicht allein f\u00fcr den Unterrichtskontext, sondern im Hinblick auf die Pr\u00e4sentation ihrer Erkenntnisse an die Forschungs\u00f6ffentlichkeit.<\/p>\n<h2 id=\"unsere-ziele\">Unsere Ziele<\/h2>\n<p>Das geplante Lehrprojekt soll den Studierenden Kompetenzen vermitteln, die in dieser Form in den Fachstudieng\u00e4ngen derzeit nicht angeboten werden und so diese erg\u00e4nzen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Studierenden sollen Einblicke in zentrale Themen des Spannungsfeldes von Psychiatrie und Gesellschaft erhalten<\/li>\n<li>Die Studierenden sollen ethische, soziale und professionelle Herausforderungen innerhalb des Spannungsfeldes empirisch erforschen und kritisch analysieren.<\/li>\n<li>Die Studierenden sollen gesundheitliche Ungleichheiten innerhalb des Gesundheitssystems reflektieren, kritisch bewerten und entsprechend einordnen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Die Studierenden sollen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten der selbstst\u00e4ndigen Planung, Durchf\u00fchrung Auswertung und Pr\u00e4sentation (qualitativ-)empirischer Forschungsprojekte erwerben.<\/li>\n<li>Die Studierenden sollen Kenntnisse bez\u00fcglich normativer Pr\u00e4missen verschiedener Krankheitsbegriffe und -konstruktionen erwerben und ihre diesbez\u00fcgliche Reflexionsf\u00e4higkeit weiterentwickeln.<\/li>\n<li>Die Studierenden sollen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten der interdisziplin\u00e4ren Zusammenarbeit und der Reflexion des eigenen professionellen Handelns im Studien- und Berufskontext erwerben.<\/li>\n<\/ul>\n<h2 id=\"unsere-f\u00f6rderer\">Unsere F\u00f6rderer<\/h2>\n<p>&#8222;Das ist doch krank,oder? wird von der F\u00f6rderlinie &#8222;Forschendes Lernen\u00b3&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.ruhr-uni-bochum.de\/instudies\/index.html\">InSTUDIES plus<\/a> finanziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bestimmt eigentlich, was \u201enormal\u201c und was psychisch krank ist? 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